Die Stecknadel im Heuhaufen

Ihr wisst genau, dass ein Gegenstand da ist, dass er da sein muss, aber Ihr findet ihn nicht. Ihr durchsucht die gesamte Wohnung, den Keller, jeden nur erdenklichen Ort, aber der Gegenstand ist nicht da.

Kommt Euch bekannt vor?

Also mir ist vor kurzem Folgendes passiert:
Ich komme ja nicht mehr so oft zum Lesen. Ein Fast-Vollzeitjob und das Schreiben in jeder freien Minute, dazu Familie und Freunde, mit denen man ja auch Zeit verbringen möchte – da kommt das Lesen häufig zu  kurz.
Nun, vor etwa vierzehn Tagen hatte ich plötzlich Lust, ein Stündchen zu lesen. Schon vor längerer Zeit hatte ich “Shantaram” von Gregory David Roberts angefangen und jetzt wollte ich mal wieder weiterlesen. Es spielt in Indien, in den Slums von Mumbai und beschreibt eine völlig andere Seite dieses Landes, als ich sie als normale Touristin kennengelernt habe und dennoch kam mir vieles vertraut vor. Genau dieses Gegensätzliche hat mich daran so fasziniert.

Ich schaute im Wohnzimmer nach, dort, wo ich das Buch zum letzten Mal in der Hand hatte, aber es war nicht da. Oben im Bücherregal – nichts. Im Bad vielleicht? Neben der Badewanne? Nein.
Ich hatte schon eine Viertelstunde gesucht, die Lust am Lesen war mir vergangen und so bügelte ich notgedrungen meine Wäsche.
Ein paar Tage später machte ich mich erneut auf die Suche und bezog noch die Küche und das Arbeitszimmer mit ein, aber wieder war das Buch nirgends zu finden. Auch mein Mann hatte keine Idee.
Noch ein drittes Mal wanderte ich einen Tag darauf durch alle Räume, aber das Buch blieb verschwunden. Ich resignierte. Irgendwann wird es wieder auftauchen, sagte ich mir und ich versuchte, nicht mehr daran zu denken.

Dann, vor einigen Tagen, telefonierte ich vom Büro aus mit meinem Mann und er sagte plötzlich:
“Ach, übrigens… weißt Du, was ich heute gefunden habe?”
Ich hatte keine Ahnung.
“Dein Buch!” sagte er.
“Mein Buch? Was für ein Buch?” Ich war ratlos.
“Na, das Buch, das Du lesen wolltest!”
So langsam dämmerte mir, worauf er hinaus wollte.
“Nee, echt? Das Buch, das ich schon seit Wochen suche?”
“Ja.”
“Und? Wo war es?”
Für einen Moment herrschte Schweigen.
“Du weißt doch, dass oben auf dem Schrank der WLAN-Router steht.”
“Ja.”
“Ich wollte ihn etwas höher stellen, damit der Empfang im Arbeitszimmer besser wird.”
“Das glaube ich jetzt nicht!” rief ich aus.
“Doch.” Er klang ein kleines bisschen schuldbewusst, aber nur ein bisschen. “Ich hab’ das Buch druntergelegt…”

Wie heißt es so schön? Das Haus verliert nichts – und so hatte ich mein Buch wieder und kann jetzt weiterlesen.
Habt Ihr auch schon mal etwas verzweifelt gesucht und irgendwann wiedergefunden? Lasst mich Eure Erfahrungen wissen, so können wir uns gegenseitig trösten.

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